Der Gute Ort

Geschichte

Der etwa 1,5 Hektar große jüdische Friedhof liegt im Westen der Stadt, im Stadtteil Altendorf. Im Februar 1878 erwarb die Beerdigungsbruderschaft »Chewra Kadischa« in Altendorf ein Gelände zur Errichtung einer Begräbnisstätte. Am 5. Mai 1878 wurde der Friedhof geweiht, danach fand dort die erste Bestattung statt. Vier Jahre später wurde eine schlichte Trauerhalle errichtet. Im Herbst 1885 wurde, mit der Konstituierung der Gemeinde, der Friedhof in deren Zuständigkeit überführt.

Die NS-Behörden beschlagnahmten im Juni 1943 den »Guten Ort« mit dem barbarischen Plan, ihn einebnen zu lassen. Durch das nahende Kriegsende wurde dieser Plan vereitelt. Der Friedhof wurde seit seinem Bestehen mehrfach geschändet (1964, 1982, 1986, 1994), die Spuren kann man heute noch sehen.[1]

Insgesamt gibt es heute auf dem historischen Teil des Friedhofes etwa 1.250 Grabstellen (darunter 80 Erbgrabstätten), in denen bislang rund 1.500 Menschen ihre letzte Ruhestätte fanden. Der Friedhof ist in sieben Gewanne eingeteilt. Unter ihnen sind ein nur für orthodoxe Juden und jeweils zwei gesonderte Gewanne für Rabbiner und Kinder. Im mittleren Friedhofsteil fallen zahlreiche prunkvolle Grabanlagen jüdischer Industrieller und Großunternehmer auf. Der Friedhof wird bis heute für Beerdigungen genutzt.

Jüdische Friedhöfe werden im Hebräischen als »Haus der Ewigkeit«, »Haus des Lebens«, oder als »Der Gute Ort« bezeichnet. Die Gräber sind für die Ewigkeit angelegt, und das Grabmal gehört immer dem Verstorbenen. Die Begräbnisstätten sind kunstgeschichtliche Zeugnisse, man kann sie auch als steinerne Urkunden bezeichnen. Heinrich Heine schreibt in seinen Reisebildern »Unter jedem jüdischen Grabstein liegt eine Weltgeschichte«.

Im Oktober 1985 wurde der jüdische Friedhof in Chemnitz auf Grund seiner geschichtlichen Bedeutung unter Denkmalschutz gestellt. Um Gräber, welche vom Verfall bedroht sind, zu retten, setzt sich der Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde Chemnitz bereits seit 2014 für die finanziellen und technischen Belange der Restaurierung ein.

[1] Adolf Diamant, »Geschändete Jüdische Friedhöfe in Deutschland 1945 bis 1999«. Verlag für Berlin-Brandenburg GmbH, Potsdam. Hrsg. Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam Universität Potsdam 2000.

»Juden In Chemnitz«. Hrsg. Jüdische Gemeinde Chemnitz. Sandstein Verlag Dresden 2002.

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© 2020 Udo Mayer, Freundeskreis Jüdische Gemeinde Chemnitz